Die Bombe tickt

Bombe

Mehr Gold, mehr Zuwanderer, mehr Wachstum: Szenarien, wie die AHV gerettet werden kann.

Wer hat das beste Rezept zur Rettung der AHV? Die SVP, die diesen Samstag in Altdorf einen Sonderparteitag veranstaltet, will die Goldreserven der Nationalbank opfern. Peter Bodenmann, Hotelier in Brig und zurzeit einziger Sozialdemokrat, der Zeit fürs Politisieren hat, puscht die Zuwanderung und das Wirtschaftswachstum; die SVP möchte die Zuwanderung stoppen. Der Bundesrat schlägt mit der 11. AHV-Revision vor, die Mehrwertsteuer weiter anzuheben; Arbeitgeberdirektor Peter Hasler lehnt das strikt ab, er will die AHV-Ausgaben kürzen.

Noch macht sich kein Politiker und keine Partei für «Mehr Geburten!» stark, um die AHV gegen die zunehmende Alterung der Gesellschaft abzusichern. Aber das kommt noch.

Ums Jahr 2010, so viel ist sicher, werden die ersten Babyboomer Rentner. Dann gehts mit der Belastung der AHV richtig los. Die Demografie lügt nicht: Die zukünftigen Rentner sind längst geboren. Womit sich bereits heute die Frage stellt: Wie kann die AHV langfristig gesichert werden?

FACTS liess von Martin Wechsler, einem unabhängigen Pensionskassen- und Versicherungsberater in Blauen BL, der als ehemaliger Leiter des Nationalfondsprojektes «Soziale Sicherheit nach 2000» ausgewiesener Experte ist, verschiedene Szenarien durchrechnen.

Sein Fazit: Kurzfristig wird die 11. AHV-Revision, wie sie vom Bundesrat geplant wird, die AHV sanieren. Aber nur kurzfristig. Die zusätzlichen Einnahmen (2003 ein halbes Prozent Mehrwertsteuer, 2006 ein ganzes Prozent) verbunden mit den ersten Einsparungen (800 Millionen Franken jährlich, vor allem bei den Witwenrenten) reichen aus, um die Probleme bis 2015 zu meistern.

Was später kommt, ist keine akademische Frage. Im Bundesrat gab es dazu den ersten Krach: Die beiden FDP-Minister Kaspar Villiger und Pascal Couchepin verlangten bei der 11. AHV-Revision, orchestriert von Seite-1-Schlagzeilen im «Blick», eine generelle Erhöhung des Rentenalters auf 66 Jahre – als Antwort auf die Situation der AHV im Jahr 2025. Ruth Dreifuss, zuständige Sozialministerin, bockte. Auf einen derart langen Zeitraum wollte sie sich nicht festlegen lassen.

Die Berechnungen des Experten Wechsler zeigen: Die demografische Alterung stellt die Politik vor ernsthafte, aber nicht vor unlösbare Probleme. Die naheliegende Lösung, die die SVP präsentiert, greift allerdings zu kurz. Gemäss einer Volksinitiative sollen die 1300 Tonnen überschüssiger Goldreserven, die die Nationalbank hortet, vollständig in den AHV-Fonds eingeschossen werden. Der Goldschatz ist nach heutigen Kursen rund 20 Milliarden Franken wert. Wird das Geld im Jahre 2003 in den AHV-Fonds gelegt, ändert sich an der laufenden Rechnung wenig. Das Vermögen des Fonds wächst, die Zinseinnahmen steigen.

Nicht gelöst werden damit die Zukunftsprobleme der AHV. Die SVP gewinnt mit ihrem Vorschlag gerade vier Jahre Zeit: Gemäss dem Kalkül von Martin Wechsler ist der AHV-Fonds im Jahr 2028 leer. Werden nun die 1300 Tonnen Gold in den AHV-Fonds gelegt und aktiv bewirtschaftet, ist der AHV-Fonds im Jahr 2032 leer.

Wie viele Tonnen Gold müssten heute eingeschossen werden, damit die AHV ihre Probleme übers Jahr 2028 hinaus gelöst hätte? Es bräuchte, wie Experte Martin Wechsler im Auftrag von FACTS errechnet hat, 8580 Tonnen bei einem Kilopreis von 15 500 Franken.

Zum Vergleich: Die Schweizerische Nationalbank sitzt insgesamt auf «nur» 2600 Tonnen Gold, wovon sie die Hälfte, nämlich 1300 Tonnen, abgeben will. Ob die 1300 Tonnen voll in den AHV-Fonds fliessen sollen, ist umstritten: Der Bundesrat will mit 500 Tonnen die Stiftung Solidarität gründen, die CVP zudem eine Internetoffensive an den Schulen starten, die FDP auch Schulden abbauen – und Sozialministerin Ruth Dreifuss will einen Teil der Golderträge nutzen, um ein flexibles AHV-Rentenalter zu finanzieren.

Weniger offensiv vorgetragen wird eine zweite AHV-Lösung: «Mehr Zuwanderung qualifizierter Fachkräfte.» Die wäre, wie Kolumnist Peter Bodenmann im Gratisblatt «Metropol» schreibt, «dringend notwendig, da wir Schweizerinnen und Schweizer uns nur ungern reproduzieren».
Das Bundesamt für Statistik rechnet in seinen offiziellen Prognosen mit einer Zuwanderung von 16 500 Personen jährlich, die per saldo in die Schweiz ziehen, hier arbeiten und brav Beiträge zahlen. Später werden sie allerdings selbst Rentenbezüger.

Wie viele Zuwanderer zwischen 20 und 40 Jahren würde es zusätzlich zu den bereits prognostizierten Zuwanderern brauchen, um die AHV-Rechnung bis 2040 auszugleichen? Experte Martin Wechsler hat auch dieses Szenario durchgerechnet. Resultat:

Bis 2010 braucht es 340 000 zusätzliche Einwanderer.

Bis 2020 wären im Vergleich zu heute und im Vergleich zu den Prognosen 442 000 zusätzliche Einwanderer nötig.

Bis 2030 wären es 499 000 zusätzliche Einwanderer.

Damit hätte die Schweiz im Jahre 2020 nicht 7,6 Millionen Einwohner, wie das Bundesamt für Statistik prognostiziert (Szenario Trend), sondern 8 Millionen. So lange Einbürgerungen von Ausländern, obschon sie seit Jahren in der Schweiz leben und hier aufgewachsen sind, von der SVP an allen Orten erschwert werden, würde sich parallel zur Einwanderung die Zahl der Ausländer erhöhen. Ihr Anteil an der Bevölkerung würde von rund 20 Prozent auf knapp 30 Prozent anwachsen.

Nimmt die Schweiz in der AHV-Not so viele Ausländer auf? Es sieht nicht danach aus, im Gegenteil. Mit einer hängigen Volksinitiative will ein rechtsbürgerliches Komitee, das von der Aargauer FDP bis weit in die SVP hinein reicht, strikt dafür sorgen, «dass der Anteil der ausländischen Wohnbevölkerung der Schweiz 18 Prozent nicht übersteigt».

Bleibt eine dritte, näher liegende Lösung: Die heutigen Bewohnerinnen der Schweiz müssten mehr Kinder zur Welt bringen. Zurzeit hat eine Frau, wie es im Jargon der Demografen heisst, eine «Nettoreproduktionsziffer» von bloss 1,56 Kindern, womit die ansässige Bevölkerung generell sinkt. Stiegen die Geburten, hätte die Schweiz ab 2020 mehr AHV-Beitragszahler.

Um wie viel müsste die Zahl der Geburten gesteigert werden, damit die AHV-Rechnung auch in Zukunft ausgeglichen wäre? Die Berechnungen von Martin Wechsler ergeben, dass sich die Geburten verdoppeln müssten – von jährlich 78 377 auf 150 000, und zwar ab sofort. Eine solche Geburtenexplosion ist unrealistisch – und finanziell gar nicht lukrativ. «Doppelte Geburtenzahlen heisst auch doppelte Ausgaben für Schulen», mahnt Wechsler.

Bleibt eine vierte Lösung: Mehr Wirtschaftswachstum.

Entscheidend ist die Produktivität pro Beschäftigten. In der Wachstumsphase von 1960 bis 1990 ist sie im Durchschnitt um 1,6 Prozent gestiegen. Da die Zahl der Beschäftigen ebenfalls zugenommen hat, resultierte ein reales Wirtschaftswachstum von durchschnittlich 2 Prozent.

Wie viele Prozent wären nötig, um die AHV-Leistungen, die mit der 11. AHV-Revision garantiert werden, auch langfristig zu sichern? Ein Produktivitätswachstum pro Beschäftigten von durchschnittlich 2,0 Prozent, wie Experte Martin Wechsler ausgerechnet hat. Weil die Zahl der Beschäftigten sinkt, bringt ein Produktivitätswachstum von 2,0 Prozent ein leicht tieferes Wirtschaftswachstum mit sich: 1,8 Prozent real.

«Das erscheint recht moderat», meint Wechsler. Aber es ist immerhin gut doppelt so hoch, als die Experten von Bundesrätin Ruth Dreifuss annehmen, die für die Phase nach 2010 mit mickrigen 0,7 Prozent Realwachstum rechnen. Peter Bodenmann dagegen fordert ein Wachstum «von 2,5 bis 3 Prozent» pro Jahr. Und Bodenmann ist nicht der einzige Unzufriedene. Auch Lukas Mühlemann, Chef der Credit Suisse mit neuerdings politischen Botschaften, trägt öffentlich vor, «dass die Volkswirtschaft in den USA in den Neunzigerjahren um 30 Prozent stärker gewachsen ist als in der Schweiz».

Rettet ein «amerikanisches Wachstum» also die schweizerische AHV? Just davor warnt der Versicherungsexperte Martin Wechsler: «Ein hohes Wirtschaftswachstum bringt auf der Gegenseite einen kalten Abbau bei den AHV-Renten.» Dies komme vom AHV-Mischindex, der dafür sorgt, dass die Renten zwar an die Inflation, aber nur zur Hälfte an die Reallohnentwicklung angepasst werden. «Dies bedeutet, dass ein heute 40-Jähriger auf die Hälfte seines Produktivitätsfortschrittes in den nächsten 25 Jahren verzichten muss. Die Rente – bezogen auf sein letztes AHV-Einkommen – sinkt entsprechend.»

Nur: Die fünfte Alternative ist aus Sicht der Versicherten noch weniger verlockend. Vorgeschlagen wird sie von Arbeitgeberfunktionär Peter Hasler: Kein einziges zusätzliches Prozentlein Mehrwertsteuererhöhung! Damit lehnt Peter Hasler auch die 11. AHV-Revision ab, die der bürgerlich dominierte Bundesrat vorschlägt.

Um wie viel müssten die AHV-Leistungen gekürzt werden? Experte Martin Wechsler hat auch diese Variante durchgerechnet – und ortet, da die nächs-te Mehrwertsteuererhöhung bereits auf 2003 geplant ist, dringenden Handlungsbedarf. Ab 2004 müssten die Leis-tungen um 10 Prozent, ab 2020 um 20 Prozent, ab 2030 um 30 Prozent gekürzt werden. Erst für spätere Generationen verbessert sich die Lage: Ab 2046 wären nur noch 25 Prozent Leistungskürzung notwendig.

In welcher Form die Leistungen gekürzt werden sollen, ist heute bereits abzusehen. Peter Hasler, Kaspar Villiger, Pascal Couchepin und andere hohe FDP-Politiker denken laut ans Gleiche – an eine schrittweise Erhöhung des Rentenalters. Gemäss den Berechnungen des Experten Martin Wechsler liefe dies auf ein Rentenalter 67/67 hinaus, das allerdings bereits ab dem Jahr 2009 eingeführt werden müsste.

Klar wird damit, wer von den drohenden Leistungskürzungen betroffen wäre – und wer nicht. Die heutigen Alten, die am lautesten klagen, stehen am besten da. Die heutigen Teenager, die sich via Junge SVP immer lauter bemerkbar machen, trifft es auch nicht gar so arg. «Ein heute 20-Jähriger», analysiert Martin Wechsler kühl, «hat mehr von der AHV zu erwarten als ein heute 40-Jähriger.»

So geht jeder Trend irgendwann zu Ende. Ab 2050, wenn die meisten Babyboomer gestorben sein werden, bessert sich die Finanzlage der AHV wieder.

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