Der Tag begann mit einem Gottesdienst

Gottesdienst

Der Tag begann mit einem Gottesdienst, dann stärkte man sich mit Cervelats, Brot und selbstgebackenem Kuchen. Die Frauen und Männer im mittleren und gestandenen Alter tanzen den «Bärnermutz», den «Ziberli z Viert» und «S trommt em Babeli»: zwei Schritte vor, zwei zurück, einmal im Kreis, wieder von vorn. «Volkstanz ist lustig», sagt der 71-jährige Robert Jacot, der beim Tanzen seine Frau kennengelernt hat, «Volkstanz macht froh.» Für ihn ist der Tanz körperliche Ertüchtigung und ein Gemeinschaftserlebnis, wöchentliches Üben und Feste gehören dazu.

Die Männer und Frauen tanzen nun den Maibaumtanz, einen einfachen Reigen kultischen Ursprungs, mit dem schon die Kelten den Frühling begrüsst haben sollen. Der entastete Baum ist mit einem Fliederkranz geschmückt, der Fruchtbarkeit und den Kreis der Jahreszeiten symbolisiert. Die Paare schreiten gemessen um den Baum herum, in Schlangenlinien aneinander vorbei, flechten die herabhängenden Bänder in Blau und Weiss zu einem Netz, tanzen einen Walzer im Kreis und verneigen sich vor dem Baum.

Bettina Looser

Der kleine, freundliche Mann trägt ein Sportshirt von Puma, blau wie der Himmel, den man sich träumt, wenn es draussen regnet. Der kleine, freundliche Mann ist Pierre Mathas, der, nach seinem Beruf gefragt, antwortet: «Animateur culturel, comédien, musicien, danseur, auteur, compositeur, choréographe, réalisateur des spectacles, des disques et des films, professeur de danse, chant, rythmes et percussions.» Der kleine, freundliche Mann unterrichtet gemeinsam mit einem grossen, freundlichen Mann, Prosper Nkouri, Kongolese auch er. Ihn nach seinem Handwerk zu fragen, wage ich nicht recht. Ich verstehe: Mein Fragen will Antworten, die hier nicht gelten; mein Fragen ist europäisch und unangebracht.

«Commencez à travailler!» Die Frauen binden sich ihre Hüfttücher fester. Es sind selbstsichere Erscheinungen, die Gesichter leuchtend, die Haltung offen. Pierre gibt den Vorsänger, Prospers Tam-Tam den Rhythmus, afrikanisches Tanzen geht nicht ohne; Musik und Tanz und Gesang ist ein Ganzes, ist Kommunikation und die Freude an ihr. «Mama bu ka n’tela» (Mama hat mir gesagt) erzählt in einer Bantusprache die Geschichte des kleinen Mädchens, das die Welt entdeckt. Pierres Stimme schlägt an der Raumdecke ein wenig an, rollt dann weich bis in die hinterste Ecke und promeniert dort vor dem breiten Spiegel. Der Frauenchor antwortet, Prosper übersetzt die Wörter in Rhythmus und vervollständigt die Bewegungen des Tanzes. Die Frauen werden zu pflügenden Amazonen auf dem Acker, zu Soul Sisters, die von einem Buschfeuer erzählen, sie werden zu Zebras oder Gnus oder Elefanten. Und manchmal sind sie kleine, leichte Tiere, die dorthin fliegen, wo die Sonne am höchsten steht. Schulterblätter zucken, Bäuche werden zur Steppe, das Becken ist ein Wasserloch, tief und rund und fruchtbar.

In der Pause sagt Andrea: «Hier ist jede so, wie sie ist.» Und dass sie die Lebensfreude mag, die in der Musik und im Tanz steckt. Sandra gefallen die Rhythmen und, unbedingt, die Lebensfreude. Inge? Sie wiederholt das Reizwort selbstverständlich und lacht dazu.

Pierre und Prosper erwähnen die «Lebensfreude» nicht. Sie verstehen ihren Unterricht als Kulturbotschaft und sich selber als «Ambassadeurs» ihres Landes. Dass europäische Männer nicht tanzen, begreift Pierre nicht. «Frauen sind mutiger», ist es das? Ein grosser, runder Schweissfleck hat sein T-Shirt dunkel gefärbt. Der Puma ist von der Brust heruntergesprungen.

Daniele Muscionico

Hinter den sieben Gleisen des Bahnhofs Hardbrücke erklingt ein Bandoneon; rot und blau schimmert das Licht in den Fenstern des ehemaligen Lagerhauses an der Geroldstrasse. Im Club Silbando ist Milonga, Tanzabend. Caminada frontal, lateral, ocho, balanceo, cortes: Im Gegenuhrzeigersinn wirbeln die Paare übers Parkett, in leichtfüssiger Eleganz die einen, steif und tapsig die andern. Die Mehrzahl der Männer ist in jenem Alter, wo man sich wieder einen Töff kauft – oder eben Spass an einem Paartanz findet.

Für Zürcher Tangotänzer ist das «Silbando» eine Institution. Vor acht Jahren gründeten der Tango-Pionier Rolf Schneider und sein ehemaliger Schüler Daniel Ferro die erste Tanzschule Zürichs, die ganz auf Tango eingestellt ist. Die Nachfrage ist laut Ferro konstant gross. Spätestens seit dem Festival vor drei Jahren, als der Tango Tausende verzauberte, ist der Tanz aus den Schlachthofvierteln von Buenos Aires auch in Zürich etabliert.

Für Daniel Ferro wurde der Tango lebensbestimmend: Längst hat er seinen Beruf als Hochbauzeichner an den Nagel gehängt, um sich als Geschäftsleiter, Lehrer und Showtänzer ganz dem Tango Argentino zu widmen. Der Tango führte ihn auch nach Buenos Aires, wo er seine Ehefrau Lorena kennenlernte. «Tango ist Kultur», sagt Ferro, «kein Freizeitsport wie viele andere Standardtänze.» Auch beim Tango geht es zwar nicht ohne ein Grundsystem an Schritten und Figuren. Dann aber ist der Weg frei für das Improvisieren, choreographisch wie auch rhythmisch. Der Tango hat klare Regeln, gleichzeitig ist er ein Zwiegespräch, Aufforderung zu Spiel und Verführung.

Im Tango Argentino ist es der Herr, der führt, und die Dame hat zu folgen. Wenn es darum geht, einen Tanzkurs zu besuchen, ist es jedoch oft genau umgekehrt. Es sind meistens die Frauen, die dazu die Initiative ergreifen. Der 48-jährige Kinderarzt, vor drei Jahren zu einem Tangokurs überredet, schätzt bei diesem Tanz «die differenzierte und doch völlig spontane Kommunikation mit der Partnerin». Der 28-jährige Ökonom dagegen war es einfach leid, dass er bei Hochzeiten als Tanzunkundiger immer sitzenblieb. Bald blieb er dann beim Tango hängen – «einer der sinnlichsten Tänze überhaupt».

Andreas Heller

Jedes Jahr im Dezember treffen sich im Zürcher Kongresshaus 1600 altgediente und debütierende Tanzbegeisterte zur langen Nacht des Gesellschaftstanzes mit Cha-Cha-Cha, Rock’n’Roll, Disco-Fox oder English Waltz. Dirigiert von der Tanzlehrerin Marianne Kaiser, eröffnen jeweils siebzig Debütantinnen und Debütanten mit einem Wiener Walzer den Ball.

So ein Auftritt will geübt sein. Die Gymnasiasten, Lehrlinge und Studentinnen, die sich bei Frau Kaiser an der Hottingerstrasse zur Tanzstunde einfinden, lernen in zehn Unterrichtsstunden die Balleröffnung. Die jungen Frauen tragen blütenweisse Ballkleider, das Haar ist hochgesteckt und wird von einem funkelnden Diadem gekrönt. Die Herren tragen einen Smoking, Lackschuhe und Fliege.

Alles ist beim Wiener Walzer noch so wie vor über hundert Jahren, und das liebt der Gymnasiast Marc: «Wiener Walzer ist klassisch und hat Stil. Die Vorgaben sind klar und die Vorschriften streng.» Er mag das Altbewährte, das Gefühl, etwas mit früheren Generationen zu teilen. Die Jusstudentin Andrea findet den Walzer edel und elegant. Sie ist zwanzig Jahre alt, tanzt seit mehreren Jahren und war auch schon beim Kaiserball dabei: «Der Debütantenwalzer ist wie der Eintritt in eine Märchenwelt. Man ist stolz – und das Herz klopft laut.»

Der Walzer ist ein alter Tanz, das einfache Rundherum im Dreivierteltakt kennt der europäische Volkstanz schon seit dem Mittelalter. Erst die Wiener zur Zeit der Strauss-Dynastie im 19. Jahrhundert machten ihn auch zum Reigen höherer Schichten und zum Tanz, mit dem junge Menschen in die Gesellschaft eingeführt wurden. «Wer heute in Zürich debütieren will», sagt Marianne Kaiser, «muss nicht aus reichem Hause sein. Aber er sollte die romantische Idee des Debütierens lieben.» Manche mögen den Walzer besonders, für andere ist er ein Tanz von vielen. So ist das schon seit vielen Jahren in Kaisers Klassen – anders ist nur, dass die Jugendlichen scheuer geworden sind. Früher verliebten sie sich im Tanzkurs, es wurde viel geflirtet und geschmust. Heute muss Marianne Kaiser ihnen immer wieder sagen: «Berührt euch! Nur so könnt ihr richtig tanzen.»

Bettina Looser

Rollen Sie mit der Brust! Kreisen Sie mit den Hüften! Halten Sie die Taille ruhig! Und stellen Sie sich vor, dass Sie eine Amphore auf dem Kopf tragen.

Macht das Spass? Nein? Dann sicher das: Zittern Sie mit den Schultern, aber wirklich bloss mit den Schultern und, bei Allah, mit keiner anderen Etage des Körpers. Suchen Sie dazu Ihren Hals, machen Sie ihn lang und beginnen Sie dann unterhalb davon zu zittern. Ausser den Schultern zittert nichts. In Ihrem restlichen Körper ist es so windstill wie auf dem Toten Meer. Dazu lächeln Sie, denn Sie wissen: Sie tanzen orientalischen Tanz.

Viola Römer, Künstlername Layali, unterrichtet ihn an ihrer eigenen Schule. «Ist orientalischer Tanz nicht gleich Bauchtanz?» Nein! Frau Römer kann nicht energisch genug betonen, dass sie damit nichts am Hut und noch weniger auf den Hüften hat. Sie lehrt als eine der Pionierinnen in der Schweiz Raqs Sharqi, orientalischen Tanz. «Was ist denn an der Bezeichnung Bauchtanz falsch?», fragt die Naive. Darüber kann die Akademikerin stundenlang dozieren; und sie verfasst Aufklärungsschriften, die den diskreditierten Tanz von allem Obszönen befreien. Man ahnt dunkel, was Frau Römer mit Emile Zola anstellte, liefe er ihr heute in die Arme: Zola ist dafür verantwortlich, dass seit der Pariser Weltausstellung 1889 der gröblichst falsche Begriff «Danse du ventre» existiert. Um nur ein Gegenargument von Layali zu erwähnen: Wichtiger als das Bewegungszentrum Bauch ist beim orientalischen Tanz jenes in den Hüften.

Der Körper als Hort verschiedener, isoliert voneinander zu handhabenden Bewegungseinheiten. Den Leib auch nur einigermassen arabisch/ägyptisch und von Layali geduldet zu bewegen, ist eine harte Sache. Leandra, das Nesthäkchen der Klasse, ist anderer Meinung, da begeistert von der Musik und der Weichheit der Tanzbewegungen. Eveline geht seit acht Jahren zu Layali, wo sie tanzend innere Ausgeglichenheit findet. Wenn auch eine schweisstreibende.

Am Ende der Stunde ermahnt Frau Römer die Frauen: «Vergesst Shimmy nicht!» Shimmy? Das ist jene Figur, die aus purem Zittern besteht. Und aus Lächeln, wem’s gelingt.

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