Der rote Riese lockt

China ruft, und die Schweizer Unternehmen kommen. Bereits sind gegen 400 im chinesischen Markt aktiv: nicht nur grosse, sondern immer häufiger auch kleinere Betriebe.

Mindestens alle vier Monate weilt Samuel Eugster für ein paar Tage in Suzhou, auch das Venedig Chinas genannt. Es war Liebe auf den ersten Blick, als der Unternehmer vor acht Jahren das erste Mal die Stadt besuchte. Aus dieser Liebe ist Geschäft geworden. Heute ist seine Walter Knoepfel AG im appenzellischen Teufen Mehrheitsaktionärin der Nove Marzo, welche die Textilfabrik Suzhou Nove Fashion betreibt. Produziert werden Strickwaren aus Kaschmir, Seide und Kamelhaar. Siebzig Angestellte, meist junge Frauen, stehen täglich über acht Stunden an den Strickmaschinen. Die Hälfte der Produktion wird in die Schweiz exportiert.

«Wir waren das erste KMU der Schweiz, das in China eine eigene Produktion startete», erzählt Eugster. Das hatte Folgen: Die Walter Knoepfel, die früher rund dreissig Personen beschäftigte, hat vor drei Jahren ihre Produktion in Teufen eingestellt. Der Betrieb war nicht mehr wettbewerbsfähig und die Produktionskosten in der Schweiz zu hoch – ein typisches Beispiel einer Produktionsauslagerung in ein Billiglohnland also. In Suzhou verdient eine Arbeiterin höchstens 150 Dollar im Monat. Der Vertrieb, das Marketing und vor allem das Design erfolgen aber nach wie vor in der Schweiz, was immerhin die Beschäftigung von sechs Personen erlaubt. Dazu der Firmenchef: «Ohne die eigene Produktion in China würden wir nicht mehr existieren.»
Damit bestätigt Eugster Untersuchungen des Forschungsinstitutes für Arbeit und Arbeitsrecht der Universität St. Gallen, wonach sich Direktinvestitionen ins Ausland nur bedingt negativ auf den Werkplatz Schweiz auswirken. Der inländische Personalabbau der Firmen, die im Ausland investieren, beträgt zwar 23 Prozent, doch Firmen, die nicht im Ausland aktiv sind, weisen ein grösseres Minus auf: 41 Prozent sind es genau. Auch konnten die Firmen mit Auslandinvestitionen ihre Exporte um 36 Prozent erhöhen, während die anderen 18 Prozent einbüssten.

Trotzdem: Wer die ganze Produktion auslagert, will vor allem im Ausland expandieren. Das ist auch bei der Walter Knoepfel so, die mit ihrer Textilfabrik in Suzhou zum Leader für qualitativ hochstehende Strickwaren in China werden will. Das bedeutet markantes Wachstum und damit auch Gewinn. Oder mit den Worten des vor Ort tätigen Managers: «Small is beautiful, big is profitable.»
China befindet sich im Aufbruch. Ein Extrembeispiel für das Expansionsfieber ist die 14-Millionen-Stadt Shanghai, wo im Akkord gebaut wird. Wenn’s sein muss, auch nachts. Die Grossstadt präsentiert sich als riesige Baustelle. Nicht nur im Stadtzentrum, sondern auch ausserhalb. Wo vor kurzem noch alles grün war, wird eine Industriezone nach der anderen aus dem Boden gestampft. In weniger als zwei Jahren entstand so ein Industriegebiet mit Büros, Fabrikations- und Lagerhallen und Wohnungen für 40 000 bis 50 000 Menschen.

Hunderte von Milliarden Franken betragen in dem Riesenreich die jährlichen Anlageinvestitionen, die massiv durch staatliche Programme gefördert werden. Mit gutem Grund, denn China will dieses Jahr eine Wachstumsrate von acht Prozent erreichen. Und das trotz den noch nicht überwundenen Problemen in den anderen asiatischen Ländern. Obwohl erste Anzeichen für ein Übergreifen der Krise vorhanden sind, bleiben die Chinesen weiter optimistisch. Dabei setzen sie vor allem auf ausländische Investoren.
Auch das Engagement der Schweizer Firmen ist beträchtlich. Die gesamten von der Schweiz aus erfolgten Direktinvestitionen übersteigen mittlerweile die 3-Milliarden-Grenze. Mit dabei sind praktisch alle hiesigen Grosskonzerne von Novartis über ABB bis Sulzer. Das berühmteste Schweizer Investment in China erfolgte schon vor bald zwanzig Jahren durch den Ebikoner Liftkonzern Schindler, der das erste Joint-Venture-Unternehmen mit chinesischen Partnern realisierte.

Schindler ist mit vier Unternehmen in China aktiv. Eine der Fabriken ist die Suzhou Schindler Elevators, die trotz markanten Preiserosionen ihre Wettbewerbsfähigkeit unter Beweis stellt und erfolgreich agiert. Der Grossteil wird vor Ort produziert. «Ausnahmen sind die Steuerungen, die in Locarno hergestellt werden, sowie das Redesign bestehender Anlagen», kommentiert Direktor Walter Haldemann. Ein Engagement, das sich auch direkt lohnen kann: Diesen Sommer erhielt Schindler von den städtischen Verkehrsbetrieben Shanghai den Auftrag, 122 Fahrtreppen für die geplante Hochbahn zu produzieren.
Aber nicht nur die Grossen sind aktiv. Der Walter Knoepfel sind schon weitere KMU nach China gefolgt. «Wir sind an guten Geschäftsbeziehungen mit der Schweiz, besonders auch mit den KMU interessiert», bestätigt Vizedirektor Liu Youhou vom chinesischen Ministerium für Aussenhandel Moftec. Und damit wirklich nicht nur Grosskonzerne in China aktiv werden können, sondern auch KMU, schuf der Bund zusammen mit dem chinesischen Staat einen mit 32 Millionen Franken dotierten Venture-Capital-Fonds (The Sino-Swiss Partnership Fund SSPF). «Mit bis zu einem Drittel der gesamten Investitionskosten kann sich der Fonds an einem Projekt beteiligen, wobei auch noch Darlehen möglich sind», erklärt Pierre Avoyer von Sofi (Swiss Organisation for Facilitating Investments) mit Sitz in Zürich.

Der Fonds eignet sich aber nur für grössere Projekte, zumal die Mindestprojektgrösse bei rund fünf Millionen Franken liegt. Für kleinere Vorhaben gibt es den sogenannten Mischkredit, wobei 20 der insgesamt zur Verfügung stehenden 60 Millionen Franken für kommerzielle Projekte verwendet werden dürfen. «Die 20 Millionen sind ausgeschöpft», dämpft Laurent Guye, der beim Bundesamt für Aussenwirtschaft zuständige Leiter, zu grosse Hoffnungen. Für nichtkommerzielle Projekte dagegen, unter die viele Umweltprojekte sowie Projekte mit Pilotcharakter fallen, stehen noch viele Finanzmittel zur Verfügung.
Von einem solchen Projekt profitiert beispielsweise die Tessiner Firma Asico, die derzeit in Shanghai eine kleine Fabrik aufbaut, welche Hartstahlkügelchen für Kugelschreiberspitzen produziert. Mit diesen Komponenten beliefert das Tessiner Handelsunternehmen mit drei Mitarbeitern seit Jahren die Hersteller. Die Besonderheit des Projektes: Das Management und alle Angestellten sind Chinesen.

Asico musste handeln, denn die Tessiner Firma war in Gefahr, als Zwischenhändlerin nicht mehr gebraucht zu werden. Der Grund dafür ist das sogenannte Global sourcing. Dabei wird weltweit nach den günstigsten Produzenten gesucht. Eingekauft wird nicht mehr über die konventionellen Kanäle, sondern direkt bei jenem Hersteller, der in der gewünschten Qualität günstig liefern kann.
Wie die Grosskonzerne rollen immer mehr KMU auch durch eine Präsenz vor Ort den lokalen Markt auf. Das kann von der Vertretung durch wenige Agenten bis zur Gründung eigener Vertriebsfirmen gehen. Eine günstige Möglichkeit für eine lokale Präsenz ist das Projekt der Freiburger Industrie-, Dienstleistungs- und Handelskammer, die ein Promotionszentrum für Produkte und Leistungen von Schweizer Firmen realisieren will. Als Standort wurde ursprünglich die Millionenstadt Zibo ausgewählt, die sich aber abseits der grossen chinesischen Wirtschaftszentren befindet. Deshalb will man nun in Shanghai starten.

Auf den chinesischen Markt abgesehen hat es auch die Firma Fredag aus dem luzernischen Root. Ihre Tochterfirma Fresico in Weifang, an der neben den Schweizern noch Finanzgeber aus Singapur beteiligt sind, produziert seit einem guten Jahr Poulettiefkühlprodukte wie Chicken Nuggets und Chicken Cordon bleu. Aber einfach ist es nicht, mit einem solchen Produkt den chinesischen Markt zu erobern. Es existiert keine Logistik mit einer lückenlosen Kühlkette. Auch die Detailgeschäfte sind meist für Tiefkühlprodukte nicht ausgerüstet. «Es wird noch eine Zeit dauern, bis wir das Verteilsystem zusammen mit Partnern aufgebaut haben», sagt der Schweizer Firmenleiter Edward Nijgh. Derzeit werden die Pouletprodukte exportiert. Der grösste Teil davon in die Schweiz, wo die Nuggets von der Migros und anderen Detailhändlern verkauft werden.

Gerade für kleinere betriebe sind Kooperationen eine geeignete Form, in China Fuss zu fassen. Ein Musterbeispiel ist Swissino Environmental Ltd. Initiant ist Hannes Wanner vom gleichnamigen Ingenieurbüro für Geologie und Umweltfragen mit Sitz im zürcherischen Aathal. «Ich glaubte zuerst, dass ich mit meinem Büro ohne weiteres einen Partner in China finde, mit dem ich eine Firma aufbauen kann», erinnert sich Wanner. Doch dann musste er einsehen, dass er keine Chancen gehabt hätte. Auch kleinere chinesische Ingenieurbüros beschäftigen in China gegen tausend oder mehr Angestellte. Da hätte sich die Wanner AG als 40-Mann-Betrieb nicht durchsetzen können. Doch die Idee einer eigenen Präsenz in China begrub er deshalb nicht, zumal in dem vor zwei Jahren von der chinesischen Regierung verabschiedeten Fünfjahresplan der Umweltschutz an oberster Stelle steht.

Unternehmer Wanner setzte auf den Zusammenschluss verschiedener KMU aus dem Bereich Umwelttechnik. Daraus entstand Swissino. So heisst die mit drei chinesischen Partnern realisierte Joint-Venture-Firma, die seit Anfang Jahr aktiv ist. Heute gehören dem Joint Venture Swissino 3 chinesische und insgesamt bereits 13 schweizerische Firmen an, alles KMU, die Schweizer Hardware, Engineering-Leistungen und Beratung im Bereich der Umwelttechnologien nach China liefern. Das kleinste Unternehmen ist ein Einmannbetrieb, das grösste beschäftigt 350 Mitarbeiter. Und Swissino hat Erfolg. Bereits konnten erste Exporte getätigt und Projekte wie beispielsweise eine Kläranlage realisiert werden. Das Beispiel Swissino bestätigt: Flexibilität und die Bereitschaft zu Kooperationen birgt neue Business-Chancen auch für Kleinstunternehmen. Und das sogar in China.

TIPPS IDEEN TRICKS

In China ist alles anders: die Sprache, das Rechtssystem, die Kultur. Wer also in China geschäften will, muss bereit sein, sich mit den örtlichen Verhältnissen auseinanderzusetzen. Für den Aufbau einer Firma gibt es grundsätzlich drei Möglichkeiten: Eröffnung eines Repräsentationsbüros, eine mit ausländischem Kapital finanzierte Firma oder ein Joint Venture mit chinesischen Partnern. Im letzteren Fall sollte der Schweizer Unternehmer unbedingt die Kapitalmehrheit anstreben und nach Möglichkeit später seinen Anteil noch ausbauen.

GUT DING WILL WEILE HABEN
Die Vorbereitungen und die Verhandlungen benötigen viel Zeit. Das heisst aber auch, dass für jedes Projekt genügend finanzielle Mittel vorhanden sein müssen. Ohne Reisen vor Ort mit meist längeren Aufenthalten kann in China kein Business gestartet werden. Erhebungen haben ergeben, dass die Verhandlungszeit bis zum Abschluss eines Joint Ventures mindestens zwanzig Monate dauert.
Entscheidend ist, dass ein exakter Business-Plan für das Projekt vorliegt. «Wer seine Hausaufgaben nicht gemacht hat, seine Pläne nicht exakt definiert und sich nicht detailliert vorbereitet, wird in China nur Geld verlieren», sagt Susan Horvath, Geschäftsleiterin der Handelskammer Schweiz-China.

CHINAS KNIGGE SAGT: KEINE KRITIK
Bei den Verhandlungen muss darauf geachtet werden, dass der chinesische Partner nicht sein Gesicht verliert. Wer seinen Partner vor Dritten kritisiert, macht diesen zu seinem Feind und wird sein Projekt nie verwirklichen können.

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