Champions League – Die Fans schlagen zurück

Champions League - Die Fans

Aufgeblähte Champions League, öde Spiele, schlappe Stars: Deutsche Fans haben genug und proben in den Stadien den Aufstand.

Borussia Dortmunds Manager Mi-chael Meier, 50, ist ein besonnener Vertreter seiner Zunft. Vergangene Woche jedoch platzte dem ehemaligen Klosterschüler der Kragen: Im heimischen Westfalen-Stadion feierten 56 000 Dortmunder Fans die gegnerische Mannschaft aus Ulm mit La Ola. Die eigenen Spieler hatten sie schon ausgelacht, als die vor dem Spiel einen Verschwörungskreis bildeten. Und nach Ulms Ausgleich zum 1 : 1 hagelte es nur noch Pfiffe. Bei jedem Ballkontakt des eigenen Teams wohlgemerkt – das gabs noch nie, und Meier, immerhin 20 Jahre im Geschäft, bemerkte fassungslos: «Dafür habe ich kein Verständnis. Das sind doch nicht unsere echten Fans.»

Er müsste es besser wissen, schliesslich kriselt es seit Monaten zwischen der Borussia und ihren Anhängern. Jahrelang galten die «Schwarzgelben» als Arbeiterverein, als ehrliches Gegenstück zu den reichen, überheblichen Bayern. Doch seit in der Chefetage nur noch über «Champagner-Fussball, Champions League und Börsengang» schwadroniert wird, sind Anspruch und Wirklichkeit meilenweit voneinander entfernt: Hier das teuerste Kader der Liga, allein zu Saisonbeginn für 44 Millionen Franken verstärkt. Dort gerade mal ein Sieg in den letzten 13 Partien und Platz neun in der Tabelle.

So macht man sich höchstens zum Gespött: «Ihr kauft, wir kämpfen», stand auf einem Banner, das Fans des Aufsteigers Unterhaching den Dortmundern unlängst vor die Nase hielten. «Scheiss-Millionäre», «Abzocker», lauteten die Parolen aus den eigenen Reihen. «Alles Folge hemmungsloser Kommerzialisierung und der Entledigung der sozialen Wurzeln», sagt Sportsoziologe Gunter A. Pilz. Die Fans fühlen sich nicht mehr ernst genommen und steigen deshalb auf die Barrikaden. Ihr erstes Opfer: Der wenig charismatische Jungtrainer Michael Skibbe mit seinem ebenso nüchternen Ergebnisfussball wurde nach nur 19 Monaten Amtszeit weggemobbt.

 

«Die Fans bewirken etwas in den Köpfen der Entscheidungsträger», freute sich Rolf-Arnd Marewski, Leiter des Dortmunder Fan-Projekts. Jetzt richtet sich der Missmut gegen die Spieler. Wie beim Erzrivalen Schalke 04 schon seit Monaten. Dort haben sich die Zuschauer unter anderen auf den Abwehrspieler Nico van Kerckhoven eingeschossen. Der Belgier muss mit dem Pech leben, sechs Millionen Franken Ablösesumme gekostet und den beliebten Michael Büskens aus der Stammformation verdrängt zu haben.

Büskens, der nach sieben Jahren bei Schalke in der Winterpause entnervt zum MSV Duisburg gewechselt war, stand noch für das hemdsärmlige alte Schalke. Die Multikulti-Truppe, überwiegend Belgier, Holländer und Tschechen, wird zwar gefeiert, wenn sie wie vor drei Jahren überraschend den Uefa-Cup gewinnt. Bleiben die Siege aber aus, wird die mutwillig zerstörte regionale Bindung der Spieler zur Zielscheibe für die Fan-Kurve. Unaufhörlich wurde Büskens’ Name gefordert von den Rängen, was die «Bild-Zeitung» zum Titel verleitete: «Stellt der Trainer noch nach Leis-tung auf?» und Manager Rudi Assauer zur Aussage: «So weit kommts, dass wir uns vorher fragen müssen, welcher Spieler mehr Kredit hat beim Publikum.»

Am liebsten wäre den Fussball-Bossen, wenn in den Stadien «Claqueure» wie bei «ran» sitzen würden, die auf Kommando klatschen. Die Realität sieht anders aus. Zwischen der Basis und den kickenden Millionären stimmt die Kommunikation nicht mehr, und ausgerechnet bei den drei Bundesligisten mit dem stärksten Anhängerpotenzial haben sich Käufer und Verkäufer der Ware Fussball am meisten entfremdet.

In Dortmund und bei Schalke drohten die Fans bisher nur mit Liebesentzug. In München haben sie ihn bereits vollzogen: Zum Spitzenspiel gegen Bayer Leverkusen kamen keine 30 000 Zuschauer, das Olympia-Stadion war nicht einmal halb gefüllt. Bayern-Manager Uli Hoeness jedoch wollte sich keine «Krise einreden lassen». Die überkam ihn erst zwei Wochen später, als sich gegen Hansa Rostock noch 10 000 Fans einfanden – zum Halbfinal im DFB-Pokal wohlgemerkt. Hoe-ness’ verquere Begründung: «Wer dauernd lesen muss, dass die Belastung der Spieler immer grösser und die Qualität des Fussballs immer kleiner würde, der glaubt das irgendwann.» Medienschelte als erster Reflex nach Art eines pawlowschen Hundes. Die Erkenntnis allerdings hatte Hoeness exklusiv.

«Fussball ist zur Massenware geworden», entgegnet der Essener Sportpsychologe Ulrich Kuhl. «Er verkommt zusehends zum Wegwerfartikel, sein Wert reduziert sich von selbst.» Das mittlerweile fachkundigere Publikum registriert sehr wohl, dass das millionenschwere Star-Ensemble von Ottmar Hitzfeld immer weniger auf Unterhaltungswert als auf möglichst grosse Effizienz getrimmt ist: Müde Arbeitssiege in der Champions League versprechen eben zweistellige Millionenbeträge, während eine Niederlage im früher heiss umkämpften Münchner Derby nicht viel mehr kostet als ein paar Sympathien.

Zumindest glaubten sie das beim deutschen Meister. Bis ihnen im Spiel nach der 0 : 1-Schlappe gegen den Stadtrivalen Transparente entgegenprangten mit der Aufschrift: «Wir verzeihen nicht.» Und: «Schämt euch, ihr Söldner.» Der oft pomadig auftretende Kapitän Stefan Effenberg sprach den Fans daraufhin das Recht ab, «uns so zu kritisieren», und schoss damit ein klassisches Eigentor: Seither wird er auf der klubeigenen Homepage als «Anführer der Arroganz» gescholten. Doch Selbstkritik war noch nie Effenbergs Stärke, und im Übrigen, liess er verlauten, sei ihm die Meinung anderer «scheissegal».

Damit schlägt er in dieselbe Bresche wie einst Manager Hoeness. «Wenns ums Geld ginge», posaunte der vor geraumer Zeit, «bräuchten wir die Stadionbesucher schon lange nicht mehr.» Machten die Zuschauereinnahmen vor acht Jahren im Schnitt noch 80 Prozent des Gesamt-Etats aus, sind es heute kaum mehr als 15 Prozent – gegenüber 60 Prozent aus TV-Geldern. Wirtschaftlich gesehen ist der Fan zur vernachlässigbaren Grösse geworden, ein Relikt der Vergangenheit sozusagen – zugedacht ist ihm nur noch eine Statistenrolle: «Er soll ins Stadion kommen und applaudieren», so Rudi Assauer. Wenigstens als TV-Kulisse. Denn leere Stadien sind ebenso gefährlich wie sinkende Einschaltquoten.

Beides war im vergangenen Jahr Folge einer auf 17 Spieltage und 32 teilnehmende Vereine aufgeblähten Champions League. Europaweit waren die Arenen gerade mal zu 49 Prozent gefüllt. In Porto, Madrid und Barcelona blieben die Ränge zuletzt gar zu zwei Dritteln leer. Besonders trist wars jedoch in München, wo sich gegen Dynamo Kiew lächerliche 16 000 Zuschauer auf den 63 000 Tribünenplätzen verloren, was ausgerechnet beim Europa-Liga-Pusher Karl-Heinz Rummenigge alle Alarmglocken schrillen liess: «Die Entwicklung ist dramatisch.» Doch zu spät kommt die Erkenntnis des Bayern-Vizepräsidenten, das Rad lässt sich nicht zurückdrehen.

 

Bei einem Workshop der 40 führenden europäischen Klubs am Uefa-Sitz in Nyon sprach sich letzte Woche eine überwältigende Mehrheit gegen eine Redimensionierung der Champions League aus und damit gegen ein Ende der sportlich oft wertlosen Ballschieberei. Die langfristig abgeschlossenen TV-Verträge lassen sich nicht einfach umwerfen, und auch die Fan-Forderungen nach zivileren Anstosszeiten fanden kein Gehör.

Inzwischen geht es «nur noch ums Geld» (Johann Cruyff), doch «da hilft kein Klagen» (Berti Vogts). «Ich wundere mich über Trainerkollegen und Klubvertreter, die sich jetzt über zu grosse Belastungen beschweren», sagt der ehemalige deutsche Bundestrainer: «Man hat es doch so gewollt.» Er habe, so Vogts, zuletzt viele Partien gesehen, die der Champions League nicht würdig waren. Auch die Fans haben sehr wohl gemerkt, dass durch die Vielzahl der Begegnungen deren Qualität gesunken ist.

«Keine Leistung, kein Applaus», skandierten Dortmunder Anhänger nach dem vorzeitigen Ausscheiden aus just jenem Wettbewerb, den ihre Mannschaft 1997 noch als bisher einzige deutsche gewann. Und: «Ehrliche Arbeit statt Geldscheffelei.» Dabei ist es längst nicht mehr eine Frage des Wollens, sondern des Könnens. Und auch für die Spieler inzwischen ein Teufelskreis. Zwar behauptet Dortmunds Präsident Gerd Niebaum: «Wer eine dicke Brieftasche hat, wird gleichgültig gewissen Dingen gegenüber.» Doch die Millionen auf dem Lohnkonto helfen den Kickern nicht, den Ball vernünftig von A nach B zu befördern, wenn die Beine schwer sind und der Kopf müde. «Es sind inzwischen so viele Spiele, dass gar nicht mehr vernünftig trainiert werden kann», klagt Ottmar Hitzfeld. «Die Zeit reicht oft gerade zum Regenerieren.»

 

Fan-Projektleiter Marewski ist es egal: «Ich bin nicht Sozialhelfer des Klubs, sondern der Fans.» Denen vermittelte man zuletzt wenigstens in München wieder den Anschein von Volksnähe. Die 10 000, die trotz Schneegestöber zum Pokal-Halbfinal gekommen waren, wurden im Nachhinein mit einem Vorkaufsrecht auf Finalkarten «belohnt». «Es ist an der Zeit, dass wir wieder einen Schritt auf die Fans zugehen», begründet Vize Rummenigge. Das taten am Montag auch die Dortmunder: Sie riefen zum Fan-Delegierten-Tag. Der fand sinnigerweise in einer Boxhalle statt.

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