Billigimport aus Frankreich

Billigimport aus Frankreich

Die Telekommunikationsfirma One.Tel liess illegal Angestellte aus Frankreich in der Schweiz arbeiten – zu tiefen Löhnen.

Mit bunten Werbeplakaten und tiefen Preisen im internationalen Telefonverkehr schuf sich die australische Telefongesellschaft One.Tel in der Schweiz einen Namen. In den vergangenen sechs Monaten hat das Unternehmen in der Schweiz mehr als 35 000 neue Kunden akquiriert.

Doch das One.Tel-Management in Zürich war auf den Kundenansturm schlecht vorbereitet. Im Call Center, wo sich neue Kunden anmelden, fehlte Personal. Die Leitungen waren dauernd besetzt, die Kunden verärgert.

In der Not griff One.Tel zu ungewöhnlichen Methoden: Das Unternehmen lieh sich von der One.Tel-Niederlassung in Frankreich mehrere Mitarbeiter aus – ohne für die EU-Bürger eine Arbeitsbewilligung einzuholen.

Mehrere Franzosen bestätigen, dass sie ohne Arbeitsbewilligung für One.Tel in Zürich gearbeitet haben. Bankauszüge und Arbeitspläne belegen, dass die Ausländer mehrere Wochen lang hier tätig waren.

One.Tel Schweiz will zu dem Fall keine Stellung nehmen. «No comment», lässt Samantha Furey, PR-Manager Europa, ausrichten. Auch eine schriftliche Anfrage bleibt unbeantwortet.

Hinter vorgehaltener Hand wird der Sachverhalt jedoch bestätigt. Das «Missgeschick» sei passiert, weil das Geschäft in der Schweiz derart schnell gewachsen sei. One.Tel habe dringend zusätzliches Personal benötigt. Da griff die Firma auf Mitarbeiter einer anderen One.Tel-Ländergesellschaft zurück, «wie das im Konzern öfters gemacht wird».

Was innerhalb der europäischen Union kein Problem ist, ist in der Schweiz gesetzwidrig. EU-Bürger brauchen eine Arbeitsbewilligung. Das, so heisst es inoffiziell bei One.Tel, sei schlicht «vergessen gegangen». Nicht Böswilligkeit habe zur Schwarzarbeit geführt, sondern «Unwissenheit über die Schweizer Gepflogenheiten».

Bei der Konkurrenz löst das Verhalten von One.Tel Kopfschütteln aus. Umso mehr, als sich die Schweizer Behörden beim Erteilen von Arbeitsbewilligungen an EU-Bürger kooperativ zeigen: «Das Bewilligungsverfahren ist in der Regel fair und speditiv», erklärt Sunrise-Sprecher Stephan Howeg. Nach sechs Wochen seien die Bewilligungen jeweils erteilt worden.

Die Telekombranche wächst auch zwei Jahre nach der Liberalisierung unvermindert weiter. Mittlerweile buhlen über 170 Telefongesellschaften um qualifizierte Mitarbeiter auf dem Arbeitsmarkt. «Da kommt es schon mal vor, dass für Ausländer eine Arbeitsbewilligung beantragt wird, diese Leute aber schon während des Bewilligungsverfahrens in den Firmen arbeiten», weiss ein Branchenkenner.

Dass One.Tel in dieser Sache einfach nur naiv war, daran glauben zumindest die Mitarbeiter aus Frankreich nicht: «Vor unserer Einreise in die Schweiz wurde uns gesagt, wir sollten uns als Touristen ausgeben», behaupten sie.

Oft hätten sie den ganzen Tag ohne Pause durchgearbeitet, vielfach auch an den Wochenenden. Der Lohn nimmt sich da vergleichsweise bescheiden aus: 1850 Franken netto, plus 100 Franken Spesen pro Tag. Zusätzliches Geld für die Wochenendeinsätze gabs nicht. Wären die ausgeliehenen Franzosen vertraglich abgesichert gewesen, hätte ihnen das Unternehmen zumindest die Sonntagseinsätze besser entlöhnen müssen.

One.Tel beschäftigte die Franzosen auch dann noch weiter, als deren Arbeitsvertrag im Oktober 1999 auslief. «Uns wurde mehrfach ein neuer Vertrag in Aussicht gestellt», so die Mitarbeiter. Doch nichts geschah. Sieben Wochen nach Ablauf ihres ursprünglichen Vertrags hatten die Arbeitnehmer aus Frankreich noch immer nichts Schriftliches in der Hand.

Als sie sich an die französische Botschaft wandten, erfuhren sie, was sie längst vermuteten: Sie arbeiteten schwarz und ohne rechtliche Absicherung. «Wir forderten unseren Vorgesetzten bei One.Tel auf, unseren Status zu legalisieren», berichten die Beschäftigten. Doch statt einer Arbeitsbewilligung habe man ihnen noch am selben Abend das Rückflugticket nach Frankreich in die Hand gedrückt mit den Worten, sie seien entlassen. Nun sind sie wieder in Paris, ohne Job und ohne Geld. Zudem schulde ihnen One.Tel noch den halben Dezember-Lohn, sagen die Ehemaligen.

Der Fall zeige, dass bei gewissen neuen Telekommunikationsfirmen noch vieles im Argen liege, erklärt Samuel König von der Gewerkschaft Kommunikation. «Wir fordern deshalb einen Gesamtarbeitsvertrag für die Telekommunikationsbranche mit Mindestlöhnen.»

Von einem «schweren Fall» spricht auch Richard Diethelm, Informations-Beauftragter des Amts für Wirtschaft und Arbeit in Zürich. Das Unternehmen müsse mit einer Verwarnung und einer Busse rechnen, eventuell drohe auch eine Bewilligungssperre für mehrere Monate.

Ähnlich sehen es die französischen One.Tel-Mitarbeiter. Sie haben sich vor kurzem einen Anwalt genommen. Daraufhin hat ihnen One.Tel 8000 Franken Entschädigung pro Person angeboten.

Keiner der Franzosen hat jedoch das Angebot akzeptiert. Sie fordern mehr Geld und eine Arbeitsbestätigung für ihre Zeit in der Schweiz. Diese will ihnen One.Tel aber auf keinen Fall erteilen. Mit gutem Grund: Die Arbeitsbestätigung wäre ein schriftliches Eingeständnis der Schwarzarbeit.

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