Banken zappeln im Netz

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Das Internet reisst die traditionellen Strukturen im Bankgeschäft ein. Wer als etabliertes Geldhaus beim E-Banking nicht konsequent mitzieht, wird von Billiganbietern und Quereinsteigern aus dem Markt gedrängt.

Patrick Dixon, Direktor des englischen Trendforschungsbüros Global Change, ist sich sicher: «Banken sind die Hauptverlierer in der Cyberwelt.» Bill Gates drückte es 1996 noch drastischer aus: «Banktransaktionen sind notwendig, Banken nicht.» Kaum eine Branche wird von der Internetrevolution derart durchgeschüttelt wie die schweizerische Vorzeigeindustrie. Der Grund: «Bankgeschäfte sind wie dafür geschaffen, um über das Internet abgewickelt zu werden», sagt Bruno von Rotz, Partner bei der aufs Internet spezialisierten Unternehmensberatung Cambridge Technology Partners.
Denn Banking besteht fast ausschliesslich aus Informationen, ist häufig zeitkritisch, wie etwa beim Aktienhandel, sowie im virtuellen Raum ortsunabhängig.

Eine Umfrage des Beratungshauses PricewaterhouseCoopers hat denn auch ergeben, dass das Finanzwesen in den nächsten zwei Jahren unter allen Branchen am meisten von E-Commerce betroffen sein wird. Dies umso mehr, da neben dem World Wide Web zwei weitere für das Banking wichtige Technologien den Durchbruch geschafft haben: das Data Mining, mit dem die Geldinstitute grosse Datenbestände auf versteckte Gemeinsamkeiten durchforsten und so die Kundenbedürfnisse analysieren können, sowie die Mobiltelefonie, die sich auch auf das Internet auszudehnen beginnt (siehe «Warten auf WAP»).
Für die etablierten Geldinstitute wird die rasante Entwicklung des Internets zur Überlebensfrage. Jahrzehntelang war das Bankengeschäft geprägt durch den Kampf um das dichteste Filialnetz. Weil diese physische Präsenz mit hohen Kosten verbunden ist und die besten Standorte seit langem vergeben sind, hatten Neueinsteiger kaum eine Chance. Nun ist diese Eintrittsbarriere verschwunden: «Drei Kinder mit einer Website können gegen eine Bank antreten», sagt Technologieguru Nicholas Negroponte. Schlimmer noch für die etablierten Player: Geografische Beschränkungen fallen dahin. Wer als Schweizer ein Konto in Euro führen möchte, meldet sich beispielsweise bei der deutschen Advancebank (www.advancebank. de) an; wer preisgünstig amerikanische Wertschriften handeln will, eröffnet ein Depot bei Datek (www.datek.com) oder Ameritrade (www.ameritrade.com). Jahrzehntelang ging der Kunde zur Bank. Jetzt kommt die Bank via Internet zum Kunden.
Und damit eine ganze Welle von neuen Anbietern: Nicht nur, dass Quereinsteiger ins Bankengeschäft drängen, etwa die Post (www.yellow net.ch), die Zürich-Versicherungen (www.zurichinvest.ch) oder der eben von Vodafone übernommene deutsche Mischkonzern Mannesmann (www.mannesmann.de) – sondern auf der grünen Wiese entstehen neue Finanzdienstleister, die auf bestehende Strukturen oder Technologien keine Rücksicht nehmen müssen und damit schnell und anpassungsfähig sind. In den USA, wo sich das Backoffice an spezielle Dienstleister auslagern lässt, rollen Dutzende solcher virtueller Finanzinstitute den Markt auf (siehe «E-Trade auf allen Kanälen»).
Sie wirbeln die betuliche Bankenwelt mit neuen Geschäftsmodellen durcheinander: NextCard (www.nextcard.com) stellt in fünf Minuten eine Kreditkarte aus. Garage (www.garage.com) bündelt Venture-Capi-tal von Privatanbietern und platziert es bei Start-up-Unternehmen. CFOWeb (www. cfoweb.com) schliesst Finanzchefs, Treasurer und Fondsmanager miteinander kurz und erlaubt die Abwicklung komplizierter Finanzgeschäfte an den Banken vorbei.
Auch das traditionelle Kerngeschäft der Geldinstitute, das Retailbanking, gerät unter Druck. Weil viele Informationen, die bisher den Wettbewerbsvorteil der Banken ausmachten, nun frei auf dem Internet verfügbar sind, können neue Herausforderer die gleichen Leistungen erbringen und als Spezialanbieter die Universalbanken schlagen. Dazu picken sie sich die lukrativsten Glieder der Wertschöpfungskette heraus. Mortgage (www.mortgage.com) hat sich in den USA auf das Hypothekargeschäft konzentriert und unterbietet die marktgängigen Konditionen deutlich. Häufig erbringen neue Anbieter die Dienste gar nicht selber, sondern sie aggregieren die Kundenwünsche und kaufen die Leistungen en bloc auf dem Finanzmarkt wie der Finanzdienstleister Quicken (www.quicken.com) oder die Kreditvermittler LendingTree (www.lending tree.com) und E-Loan (www.eloan.com). Die Folge: Traditionelle Banken verlieren nicht nur einen Teil ihrer Marge, sondern auch den direkten Kundenkontakt und damit die Information über ihre Klientel.
Besonders unter Druck gerät das Privatebanking, Goldesel der Schweizer Banken. Die hohen Gebühren und Courtagen rechtfertigen die Privatebanker dadurch, dass sie besser als ihre Kunden wissen, welche Anlagestrategien erfolgversprechend sind und welche Titel die besten Renditen abwerfen. Doch der Informationsvorsprung schmilzt im Onlinezeitalter dahin. So kann jedermann die Anlagestrategie von Erfolgsinvestor Warren Buffet auf dem Internet sehen (www.berkshirehathaway.com). Hunderte Websites liefern die weltweit rentabelsten Wertpapiere, allein DailyStocks (www.dailystocks.com) verweist auf über 350 solcher Dienste. Eine Portfolioverwaltung, mit tagesaktuellen Kursen nachgeführt, bieten nicht nur verschiedene virtuelle Finanzdienstleister wie Swissquote (www.swissquote.ch) oder Borsalino (www.borsalino.ch), sondern selbst Portalseiten wie Yahoo (www.yahoo.de/finanzen). Die Folge: Statt sich ihren Anlageberater mit 200 anderen Kunden teilen zu müssen, nehmen immer mehr Investoren ihre Vermögensverwaltung wenigstens teilweise selbst in die Hand.
In welchem Ausmass das Netz die etablierten Finanzdienstleister unter Zug-zwang setzt, zeigt sich beim Aktienhandel. Als in den USA vor fünf Jahren Unternehmen wie E-Trade, Ameritrade oder Charles Schwab sich anschickten, im Cyberspace einen Absatzkanal für Aktien aufzuziehen, hatte die gestandene Brokergilde dafür nur ein amüsiertes Lächeln übrig. Die Heiterkeit ist langen Gesichtern gewichen. Denn die Vorteile des Börsengeschäfts mit der Maus treiben den Onlinetradern die Neukunden in Scharen zu. Das überzeugendste Argument jedoch ist der Kostenvorteil: Während Wertschriftenhäuser für eine traditionelle Transaktion 80 Dollar kassieren, lockt der Online-Marktleader Charles Schwab mit einer Standardgebühr von 30 Dollar. E-Trade als Nummer zwei buhlt mit Courtagen ab 4,95 Dollar um Anleger.
Bereits über zehn Millionen US-Anleger erledigen ihre Aktiengeschäfte im Internet und sorgen per Mausklick für gegen ein Fünftel des gesamten Börsenumsatzes, Tendenz stark steigend. Der Boom hat weit über 100 Händler aufs Netz gerufen – wobei 80 Prozent der Transaktionen von zehn Brokern abgewickelt werden. Die etablierten Wertschriftenhäuser haben inzwischen kleinlaut nachgezogen. Während sich die Vorreiter einst mit einem Einsatz von einigen Dutzend Millionen eine solide Basis im neuen Handelskanal schaffen konnten, müssen die Nachzügler ihren Markteintritt mit dem Vielfachen finanzieren.
In Europa fasst der Onlinehandel zwar erst zögerlich Fuss, doch wird das Wachstum ähnlich fulmiant verlaufen wie in Amerika. Die gegenwärtig 1,3 Millionen Inter-net-Wertschriftenkonten, so schätzt der Marktforscher Forrester Research, dürften bis 2004 auf rund 14 Millionen anschwellen. Zunehmend an Popularität gewinnt der billige Deal im Cyberspace auch in der Schweiz. Rund ein Dutzend Wertschriftenhändler offerieren ihre Dienste online. Obwohl dadurch die Courtagen ins Rutschen geraten sind, lassen sich die echten Discountbroker an einer Hand abzählen (siehe «Augen auf beim Aktienkauf»).
Noch nutzen lediglich einige Zehntausend Schweizer Investoren die Möglichkeiten des Onlinetrading. Wenn sich in ein bis zwei Jahren, wie das Branchenvertreter erwarten, gegen zwei Dutzend Internetbroker um Kunden balgen, fallen die Courtagen endgültig in den Keller. Dann geraten auch die Banken unter Preisdruck, wenn sie nicht einen Exodus ihrer Kunden riskieren wollen. Doch während die Gebühren fallen, verlangen die Kunden immer mehr Zusatzdienste. Mittelfristig wird es deshalb im Schweizer Markt zu einer Bereinigung kommen; überleben werden etwa fünf Onlinebroker, darunter die Kanäle der Grossbanken sowie zwei bis drei Nischenanbieter. «Das Internet, und da insbesondere das Onlinebrokerage, entwickelt sich für viele Banken zu einer Killerapplikation», ist sich Michael Füllemann von der Boston Consulting Group sicher.
Die Finanzhäuser haben aus dem Verpassten im virtuellen Aktienhandel gelernt. Im wichtigen, kommissionsträchtigen Anleihenmarkt wollen sie von Anfang an vorne dabei sein. Vorderhand wird zwar noch der Grossteil des Obligationengeschäfts in der «realen» Welt abgewickelt, in Amerika etwa 97 Prozent. Doch die führenden Häuser arbeiten mit Hochdruck daran, ihre Internetseiten für die Emission und den Handel von Obligationen übers Netz umzubauen.
Goldman Sachs (www.goldman sachs.com), Lehman Brothers (www.lehman.com) oder JP Morgan (www. morgan.com) setzen alles daran, einen Teil des gewinnträchtigen Geschäfts mit Anleihenemissionen ins elektronische Zeitalter hinüberzuretten. Es geht um viel Geld: Vom jährlichen Emissionsvolumen von 1,5 Billionen Dollar fliessen 25 Milliarden als Gebühren in die Taschen der Marktführer. Bislang gängige Praxis war, dass wenige Konsortialhäuser eine Hand voll Grossinvestoren bedienten. Das Internet bricht diesen abgeschotteten Markt auf. Die Emissionen via Cyberspace jedenfalls zeigen, dass es auch ohne die Platzierungskraft der Grossbanken geht. Als die Weltbank Anfang Jahr Papiere für drei Milliarden Dollar im Cyberspace anbot, wurde eine breite Streuung erreicht, ohne dass die Banken mittaten.
Anleihen werden überwiegend ausserbörslich gehandelt, womit einheitliche Preise fehlen. Das Internet soll diesem Mangel an Transparenz abhelfen; in spätestens zwei Jahren dürfte der Grossteil der Bonds über elektronische Plattformen gehandelt werden. Bereits seit einem Jahr betreiben elf Geldhäuser, darunter Credit Suisse First Boston, den Online-Bondmarkt TradeWeb (www.tradeweb.com). Tägliches Handelsvolumen: fünf Milliarden Dollar. Die Konkurrenz reagierte mit dem Aufschalten eigener Netzbörsen wie E-BondTrade (www.ebondtrade.com), Market Axess (www.marketaxess.com) und BondDesk (www.bond-exchange.com).
Vor einer Revolution steht auch das enorm rentable, gerade von Internetfirmen genährte Geschäft mit IPO. Zwar wurden in den USA 1999 lediglich zwei Prozent aller IPO über das Netz abgewickelt, doch dürfte das Volumen bald rasant steigen. Für ein IPO kassieren Investmentbanken im Schnitt sieben Prozent des Emissionsvolumens, in der Schweiz dürfte es noch mehr sein. Auktionen im Cyberspace bringen den öffnungswilligen Firmen weniger Kosten.
E-Offering (www.eoffering.com) verlangt für ein Online-IPO fünf Prozent, ein Satz, der nach Meinung vieler Marktbeobachter noch deutlich fallen wird.
Auch in der Schweiz neigt sich für die Banken das goldene Zeitalter des Kasse Machens mit Going-publics dem Ende zu. Vergangenen November lancierte das Zürcher Unternehmen CIN auf der Plattform www.capital-info.net das erste elektronische IPO der Schweiz. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch die gestandenen Geldhäuser sich diesen Vertriebskanal erschliessen.
Von allen Seiten her also attackieren Cyberdienstleister das Kerngeschäft der etablierten Banken. Um die Gefahr abzuweh-ren, haben diese nur eine Möglichkeit: das Spiel mitzuspielen und selber eine Onlineschiene aufzubauen. Doch sie kämpfen nicht mit gleich langen Spiessen; anders als die Herausforderer müssen sie auf alte Informatiksysteme und bestehende Strukturen Rücksicht nehmen. Die traditionelle Informationstechnologie zentriert sich in der Regel um Standorte oder Produkte, was dem Gedanken des Internets diametral entgegensteht. Weil manche Banken ihre Strukturen nicht ohne weiteres neu ausrichten können, bilden sie ihr bisheriges Geschäft auf dem Internet einfach eins zu eins ab.
Das macht sich besonders auf der Kostenseite bemerkbar. Untersuchungen belegen, dass bei einer Internettransaktion für die Bank nur ein Bruchteil der Kosten im Vergleich zum Schaltergeschäft anfällt (siehe Grafik «Kosten einer Transaktion»). Doch der Schein trügt: «Rein finanziell, nach klassischer Return-on-Investment-Rechnung, lässt sich heute kein Internetbanking-Projekt rechtfertigen», sagt Alfonso Pecorelli, Leiter des weltweiten Bankenkompetenzzentrums, das der Computerkonzern HP in Urdorf aufgebaut hat. Zu gross sind die Investitionen für die Aufrüstung der Technologie und die Manpower: Die UBS etwa steckte rund 50 Millionen Franken in ihren Webauftritt (siehe «Die CSG hat die Nase vorn»). Gleichzeitig bleiben die Kosten für das Filialnetz bestehen. So ergab eine Studie unter 50 europäischen Banken, dass nur fünf Prozent der Geldhäuser via Internet Kosten sparen konnten, und selbst diese waren weit geringer als erwartet.
Deshalb steckt hinter den Internetaktivitäten der etablierten Banken hauptsächlich die Angst, Kunden zu verlieren (siehe Grafik «Feste Bindung»). Zudem stösst der Aufbau einer Onlineschiene firmenintern nicht selten auf grosse Schwierigkeiten. Denn die Beschäftigten empfinden die neue Vertriebsvariante häufig als Bedrohung, die es mit aller Kraft zu sabotieren gilt. Bei Merrill Lynch (www.ml.com) dauerte es über ein halbes Jahr, bis sich die Internetbefürworter gegen innere Widerstände gegenüber dem Aufbau einer Internettochter (www.mldirect.ml.com) durchsetzen konnten. Erschwerend wirkt sich der Kulturkonflikt zwischen Bankiers in Nadelstreifen und Netzfreaks in Turnschuhen aus, weshalb es den hierarchisch strukturierten Finanzinstituten schwer fällt, gutes Webpersonal zu rekrutieren.
Zu schaffen macht den Banken im Weiteren die sinkende Kundentreue im E-Banking. Wegen der durch das Netz geschaffenen Transparenz werden die Konsumenten preis- und leistungssensibler, das Online-Bankgeschäft wandelt sich vom Verkäufer- zum Käufermarkt. Wegen der geringeren Kundentreue gewinnt im Bankgeschäft die Markenpolitik an Bedeutung. «In Zukunft müssen Banken in das Branding fast so viel investieren wie in die Technologie», sagt Beat Bernet, Leiter des Schweizerischen Instituts für Banken und Finanzen. Auch bei der Sortimentspolitik gilt es umzudenken. Es reicht nicht mehr, eine eigene Angebotspalette zu führen; der Kunde soll unter den besten Produkten auswählen können – auch wenn diese aus einem anderen Unternehmen stammen. Aus diesem Grund nimmt das Schmieden von Partnerschaften und Allianzen im Bankgewerbe einen immer höheren Stellenwert ein. Gewinnen wird schliesslich, wer bereit ist, einen Teil der Wertschöpfungskette abzugeben.
Das E-Banking verbreitet sich auch in Europa immer mehr, der Abstand zu den führenden Skandinaviern wird sich etwas schliessen (siehe Grafik «Vormarsch»). In der Schweiz nutzen laut Andersen Consulting bereits 500 000 Kunden das Internet für Bankgeschäfte, jährlich wächst die Zahl um rund ein Drittel. Der Cyberspace hält die Finanzhäuser auch in den kommenden Jahren auf Trab: Die Grossbanken werden via Netz ihre Retailketten nach ganz Europa exportieren; virtuelle Institute sehen sich zunehmend gezwungen, eine physische Präsenz zu erreichen; wer eine reine Onlinebank bleiben will, überlebt nur in Nischen. «Der Bankensektor ist seit zwanzig Jahren einem ständigen Wandel unterworfen. Aber was momentan abläuft, stellt alles in den Schatten», meint Rolf Graf, Bankenspezialist bei Andersen Consulting

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