Banal Geld verdienen

Webcams Frauen ihre Privatsphäre

Durchs Schlüsselloch zu blinzeln macht auch auf dem Internet Spass. Mit Webcams übertragen nicht nur Frauen ihre Privatsphäre ins Netz.

Big Brother» ist im Internet nur ein Zwerg. Die umstrittene Voyeursshow, die nächste Woche auf RTL 2 startet, entlockt Surfern ein müdes Gähnen. Seit das Internet bei Heimanwendern boomt und die Preise für Webcams unter die 100-Franken-Grenze gefallen sind, stellen sich viele Netzbewohner selbst in den Mittelpunkt ihrer eigenen Truman-Show.

Bei RTL 2 verfolgen 28 Kameras die Kandidaten Tag und Nacht in ihrem Wohncontainer in der Nähe von Köln – «Nerdman» bringt es auf 15 Webcams, verteilt im ganzen Haus und am Arbeitsplatz. Freiwillig, ohne Aussicht auf einen Gewinn von 220 000 Franken wie bei der TV-Show. «Man könnte sagen, es ist eine Obsession», sagt der Kalifornier. Nerdman zeigt seinen Arbeitsplatz, seine Frau, sein Baby, seine Goldfische, verrät aber in seiner «Nerdman Show» nichts über sich selbst. Hinter den Bildern bleibt alles im Dunkeln.

Da ist Fritz Keller aus Bümpliz bei Bern viel gesprächiger. Zwar trifft man ihn nicht mehr so häufig wie früher vor seiner Webcam auf Fritz.ch, doch ansonsten wird jede Facette seines Lebens ausgeleuchtet. «Ich zeige alles von mir», sagt er, «einfach alles.» Die Menschen seien Voyeure. Und er befriedigt die Lust am Privaten gern. Früher sass er oft mit nacktem Oberkörper vor der Webcam, zeigte seine Tatoos und Piercings. Er grinst: «Spät in der Nacht habe ich jeweils für meine hartgesottensten Fans sogar einen Strip hingelegt.» Einen Sommer lang sei die Webcam eine richtige Spycam gewesen.

Wie bei der Amerikanerin Jenni. Die 24-jährige Website-Designerin hat sich ihr Studium mit ihren Kameras verdient und aus sich längst ein Gesamtkunstwerk gemacht. Jennicam.org gilt als Vorreiterin der Girlcam-Welle. Kein Detail bleibt ihrer Site verborgen. Stolz ist sie beispielsweise auf ihre «100% natural Boobs» Grösse 36 A.

Die Kameras sind Teil ihres Lebens geworden: «Sie stören mich nie.» Selbstverständlich hat die Porno-Industrie mit Webcams inzwischen jeden Winkel der weiblichen Anatomie in Bits und Bytes zerlegt durch die Datenleitungen gejagt. Wahre Camgirls dagegen sind mal frivol oder erotisch, doch nie pornografisch.

Wie Tina. Die 21-jährige Studentin aus Flensburg ist seit kurzem online und bereut es nicht: «Es ist ein Fantasiespiel. Ich bemühe mich zwar, natürlich zu sein, doch letztlich ist die Person vor der Webcam fiktiv.» Sie hat ihre Prinzipien, zeigt sich nie nackt. «Was sich meine Besucher vorstellen, ist ihre Sache.» Und was sie dafür zu zahlen bereit sind, eine andere. 24 Kameras beobachten unter Frauenwg.de vier Frauen beim Duschen, Kochen und anderen Banalitäten. Rund 80 Franken pro Monat kostet der Blick ins Leben fremder Leute. Die frei zugänglichen Seiten sind aber nur Appetit-Anreger – die Webcam schaltet sich erst gegen Bares ein.

Gratis, dafür mit dem Charme von Statistiken, ist Icepick.com: Auf der Site wird beispielsweise gezählt, wie oft die Tür der Mikrowelle geöffnet wird, gleichzeitig schiesst die Webcam ein Bild. Die Toilettenspülung im vernetzten Haus, das im holländischen Appeldoorn steht, ist seit September 1998 rund 4700-mal betätigt worden. Hier fehlt jedoch ein Bild.

Weniger Hemmungen zeigen die Betreiber einer anderen niederländischen Site. Die Kamera zeigt das stille Örtchen von oben. Wer mag, kann mit dem «Besetzer» ein Schwätzchen halten. Die Schweizer sind braver. Die Toiletcam eines Klotener Computerhändlers entpuppt sich als Scherz. Der Camgirl-Katalog Userinnen.de verzeichnet keine einzige Schweizerin.

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