Anwältin der Ghetto-Gangster

Anwältin der Ghetto-Gangster

«Was in Los Angeles geschieht, ist auch in der Schweiz möglich», warnt die Fachfrau für Gang-Kultur, Barbara Cottman Becnel.

Barbara Cottman Becnel ginge äusserlich glatt als Republikanerin durch. Doch das Gold um die Handgelenke, das gediegene Kostüm, die feinrandige Designerbrille und der lila Lidschatten trügen. Die Afroamerikanerin sympathisiert eher mit den gefährlichsten Ghetto-Gangstern von Los Angeles, als dass sie Politiker unterstützen würde, die Vierzehnjährige mit dem Tod bestrafen wollen.

«Das Jugendstrafsystem in den USA ist obszön, es ist ethnische Säuberung», sagt Cottman Becnel, führende Fachfrau für Gang-Kultur in den USA. Man wolle sich in Amerika nicht mit dem Problem der Prävention und Rehabilitierung auseinander setzen, sondern entsorge straffällig gewordene Kids lieber in die Todeszellen. «Hier in der Schweiz», sagt die jugendlich wirkende Grossmutter, «habt ihr ein viel besseres System.»

Weil das so bleiben soll, wurde Cottman Becnel nach Zürich eingeladen. Sie besuchte hier eine Jugendstrafanstalt, ein Schulhaus und gab Vorträge für Psychologen, Polizisten und Strafvollzugsbeamte. Ihre Kernsätze für die hiesigen Experten lauten: «Fühlt euch nicht sicher. Seid nicht selbstgefällig. Glaubt nicht, es sei hier unmöglich, was in Los Angeles geschieht.»

In der kalifornischen Megastadt gibt es 400 Gangs mit 62 000 Mitgliedern. Die gefährlichsten Gangs sind die Crips und die Bloods. Ihre Helden sind Stanley Tookie Williams, 42, und Cleamon Johnson, 32. Williams gründete die Crips und sitzt wegen vierfachen Mords seit 18 Jahren in San Quentin in der Todeszelle. Johnson wurde als Boss der Bloods «Big Evil» genannt, gestand 13 Morde und schaut seit fünf Jahren ebenfalls in San Quentin dem Vollzug der Todesstrafe entgegen.

Als die Crips und die Bloods 1971 gegründet wurden, begannen sie mit einfachen Diebstählen. Im vergangenen Mai bilanzierte das FBI 7000 Gang-Morde in 16 Jahren. «Ich hoffe, eine ähnliche Eskalation geschieht in der Schweiz nie», sagt Cottman Becnel.
Eine vergleichbare Gang-Kultur wie in Los Angeles existiert hier nicht. Aber es gibt bandenmässige Gruppierungen Jugendlicher, die Gewaltdelikte, Raubüberfälle und Diebstähle begehen.

Im Zürcher Oberland beging eine 24-köpfige Jugendbande zwischen Februar 1997 und November 1998 101 Vermögensdelikte. Im September konnten in Schwyz vier Jugendlichen 36 Straftaten nachgewiesen werden. In Zürich Schwamendingen erhielten im Oktober thailändische Jugendliche Morddrohungen von einer Gruppe 14- bis 17-Jähriger.

In Wil SG terrorisierte die Alba-Bande Schülerinnen und Schüler. Die kantonale Krisen-Interventions-Gruppe griff Anfang Dezember ein. In Thun existiert eine 30-köpfige Jugendbande, der Vandalenakte und Diebstähle zugeschrieben werden. In Bad Ragaz, Winterthur und Zug wird von Jugendbanden berichtet. Und es gibt, sagt Cottman Becnel, «eine Globalisierung und Glorifizierung der US-Gang-Kultur».

Die Crips und die Bloods haben «Filialen» in über 119 Städten der USA und in Neuseeland, Südafrika, Kanada, Stockholm und Stuttgart. Die Gangs haben ihre eigenen Web-Sites, die täglich über 100 000 Hits zählen. Interessierte Jugendliche können unter anderem lernen, was es in Sankt Petersburg oder Florida bedeutet, wenn ein Gang-Mitglied beide Hände, die Innenflächen nach oben, rauf- und runterbewegt: «No talk, just hit them» – nicht reden, sofort schiessen.

Auf einer Web-Site steht: «Wenn du meinst, die Crips seien eine USA-Sache, dann bist du naiv: Wir erhalten Tausende E-Mails aus Japan, Russland, Griechenland, England, Frankreich, der Schweiz, Holland, Kanada, Australien und Afrika.»

Die Gang-Kultur aus South Central, Los Angeles, werde auch durch Filme wie «Boyz N the Hood», durch MTV und die Gangsta-Rappa in die ganze Welt exportiert, warnt Cottman Becnel. Die Rapper Tupac Shakur und Snoop Doggy Dogg verkaufen Millionen von CDs, auf denen sie ihr Leben verherrlichen. Shakur machte sein Motto «Live by the gun, die by the gun» wahr. Er sass acht Jahre im Gefängnis, wurde 1996 als 25-Jähriger in Las Vegas erschossen und wird seither von den Bloods als Märtyrer verehrt. Dogg war jahrelang Mitglied der Crips, verbrachte nach der Highschool während dreier Jahre etwa gleich viele Tage im Gefängnis wie in Freiheit, wurde 1993 des Mordes angeklagt, freigesprochen und fürchtet ständig, von feindlichen Gangs umgebracht zu werden.

«Wir nehmen das Anliegen von Frau Cottman Becnel ernst», sagt Silvia Steiner, Chefin der Kriminalpolizei der Stadt Zürich, «wir haben sicher andere Verhältnisse als in den USA, aber wir sind uns bewusst, dass diese Strömungen bei uns abgeschwächt auch auftreten können.» Sie entsandte Mitarbeiter zu den Vorträgen Cottman Becnels. Denn sie ist Verfechterin primärer Prävention.

Statt ein Ausgehverbot für unter 14-Jährige zu fordern wie die Stadtzürcher SVP, unterstützt Silvia Steiner das Pilotprojekt Midnight-Basketball. Statt am Samstagabend gelangweilt rumzulungern und auf dumme Gedanken zu kommen, spielen Jugendliche samstags in einer Turnhalle im Kreis 4 Basketball von 23 bis 1 Uhr. Gecoacht von Spitzen-Basketballern. Saturday Night Fever ohne Drogen, Gewalt und Diebstähle.

Das Projekt stammt aus der New-Yorker Bronx, einem der gefährlichsten US-Stadtteile. Weitere Schweizer Gemeinden wie Winterthur, Gümligen und Eglisau interessieren sich schon dafür.
Mit Midnight-Basketball sind weder die Probleme hier und schon gar nicht die in South Central, Los Angeles, zu lösen. Aber sicher auch nicht mit der in den USA herrschenden Politik der Rache.

Im März wird Kalifornien darüber abstimmen, ob die Todesstrafe um zwei Jahre auf 14-Jährige gesenkt werden soll. «Die Vorlage hat gute Chancen, angenommen zu werden, und das ist eine Schande», sagt Cottman Becnel. Statt Rachejustiz fordert und fördert sie primäre Prävention. Stanley Tookie Williams, mystifizierter Gründer der Crips und Todeszellen-Insasse, unterstützt sie. 1993 gelang es einer Gruppe um Cottman Becnel, die verfeindeten Gangs zu Waffenstillstands-Gesprächen in einem Hotel von Los Angeles zu bewegen. Cottman Becnel führte ein im Gefängnis aufgenommenes Video vor, auf dem Tookie Gewalt verurteilt und Friede zwischen den Banden wünscht. Die 400 Gang-Mitglieder sprangen auf, jubelten, klatschten und offenbarten damit, dass Tookie geäussert hatte, was sie nicht zu sagen wagten.

Seither trägt die Gang-Expertin Stanley Tookie Williams’ Friedensbotschaften aus seiner Todeszelle in San Quentin hinaus in die Welt. Williams schrieb seine Erfahrungen nieder, um Jugendliche davor zu bewahren, den gleichen Irrweg zu betreten wie er. Daraus entstand die von Cottman Becnel herausgegebene Buchreihe «Tookie Speaks Out against Gang Violence», die mehrfach preisgekrönt wurde und an amerikanischen Primarschulen zur Gewalt- und Gang-Prävention eingesetzt wird.

«Tookie war der Archetyp der Gang-Kultur, jetzt ist er der Antityp», sagt Cottman Becnel. Weil er die Crips gegründet habe und seit Jahrzehnten in der Todeszelle sitze, werde ihm geglaubt. «Mir, einer Mittelklasse-Schwarzen, hören die Jugendlichen nicht zu. Ich finde vielleicht die richtigen Worte, habe aber nicht die Autorität Tookies.»

Barbara Cottman Becnel studierte Wirtschaftsmathematik mit Russisch im Nebenfach. Sie arbeitete während 17 Jahren als Ökonomin und Analytikerin in Washington, D. C. und Los Angeles. Sie verdiente «sehr viel Geld» und hatte eine «hohe Position inne». Doch eines Tages habe sie sich gesagt: «Jetzt hast du lange genug deine linke Hirnhälfte benutzt. Jetzt pflegst du mehr deine kreative Seite und beginnst zu schreiben.»

Sie verdingte sich als freie Journalistin, schrieb Bücher über Ernährung und Drogensucht. 1992, einen Monat nach den blutigen Unruhen, die in South Central wegen des Rodney-King-Verdikts losgebrochen waren, erhielt Cottman Becnel von der afroamerikanischen Illustrierten «Essence» den Auftrag, eine Reportage über die Crips und die Bloods zu schreiben.

«Das änderte mein Leben total», sagt sie. Naiv sei sie in die «Hood», das Ghetto, gegangen, habe gedacht, «ich bin schwarz, sie sind schwarz, no problem». Doch die Gangs traten ihr feindlicher gegenüber, als wenn sie eine Weisse gewesen wäre. «Sie fühlten sich von mir betrogen, sie schienen zu fragen, wo warst du die ganze Zeit? Weshalb hast du uns nicht geholfen?» Cottman Becnel war schockiert, geriet in eine Identitätskrise und ging zum Psychiater.

Sie realisierte, dass sie immer mit sehr viel Angst gelebt habe, sie zwar viel zu sagen gehabt hätte, es aber nie gewagt hatte. «Ich hatte ein Haus, ein Auto und einen Job zu verlieren.» Jetzt sei sie viel stärker. Sie lebte neun Monate bei Gang-Mitgliedern, diskutierte Nächte mit ihnen durch und wurde von der Journalistin zur Anwältin dieser Schwarzen.

Cottman Becnel leitet seit ein paar Jahren im kalifornischen Schwarzen-Ghetto Richmond ein Gewalt-Präventions-Programm, das von der öffentlichen Hand und verschiedenen Firmen finanziell unterstützt wird. In einem zweistöckigen Gebäude im Kern des Ghettos stehen 39 Computer. 41 Leute sind fest angestellt, 60 leisten Frondienst. Jugendliche und Erwachsene können die Hard- und Software den ganzen Tag nutzen. Sie können mit Schwarzen in südafrikanischen Townships oder mit Rap-Fans in Stockholm das Leben im Ghetto und ihre Erfahrungen mit Gangs diskutieren und verbessern dabei auch noch ihre meist dürftigen Lese- und Schreibfähigkeiten. Zusammen mit Williams hat Cottman Becnel die Web-Site www.tookie.com aufgeschaltet. Jugendliche aus aller Welt können via E-Mail mit dem Gründer der Crips in Kontakt treten.

Ist das nicht ein Tropfen auf einen heissen Stein? «Nein», sagt Cottman Becnel, «es tönt naiv, aber was richtig ist, ist richtig – wir werden gewinnen.» Und damit auch die Schweiz zu den Siegern zählt, rät sie: «Macht weiter so: Bestraft nicht, sondern erweitert eure Rehabilitations-Programme – und verstärkt die Prävention.» Bevor der Ruf nach einer Rachejustiz auch hier lauter wird.

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